Die meisten Pho-Restaurants in Hanoi und Saigon haben keine Getränkekarte. Das ist kein Versehen – es ist ein Signal. Die Suppenschüssel steht im Mittelpunkt, und alles, was man daneben stellt, ist entweder eine Bereicherung oder stört das Geschmackserlebnis.

Der Standard: Heißer Tee

Wer vor 9 Uhr morgens ein traditionelles Pho-Restaurant (쌀국수 / 越南河粉 / フォー) betritt, findet meist schon vor der Bestellung eine kleine Keramiktasse mit heißem „tra“ (Tee) auf dem Tisch vor. Dieser ist fast immer kostenlos und in der Regel ein grüner Tee – dünn, leicht herb und fast kochend heiß serviert.

Das ist keine reine Geste der Gastfreundschaft. Heißer grüner Tee erfüllt neben der Pho eine ganz bestimmte Funktion: Er neutralisiert das Fett in der Brühe, erfrischt den Gaumen zwischen den Löffeln und konkurriert nicht mit den Aromen von Sternanis, Zimt und geröstetem Ingwer, die eine gute Brühe über Stunden hinweg entwickelt. Er ist im besten Sinne neutral.

Einige Restaurants in Hue und Da Nang tendieren eher zu „Lotus-Tee“ – dieser ist etwas blumiger und duftender, aber immer noch leicht genug, um den Geschmack der Brühe nicht zu übertönen. Beides funktioniert. Und beides ist weitaus besser als jedes Kaltgetränk.

Warum die Temperatur eine Rolle spielt

Hier machen viele Touristen den ersten Fehler: Sie bestellen ein eiskaltes Getränk zur Pho. Kalte Flüssigkeit beeinträchtigt die Verdauung und, was noch schwerer wiegt, sie betäubt die Geschmacksknospen für die Aromen, für die man eigentlich bezahlt. Einheimische wissen das intuitiv. Wenn es draußen 35 Grad hat und man sich unbedingt abkühlen möchte, sollte man zuerst die Suppe aufessen.

Was ist mit vietnamesischem Kaffee?

Vietnamesischer Kaffee“ – der dunkle Robusta, der durch einen Phin-Filter aufgebrüht wird – ist ein fantastisches Getränk. „Ca phe sua da (연유커피 / 越南冰咖啡 / ベトナムアイスコーヒー)“ gehört zum Besten, was man in diesem Land trinken kann. Aber eben nicht zur Pho.

Der Grund dafür ist simpel: Kaffee ist zu dominant. Seine Bitterkeit und Intensität übertönen die feinen Nuancen der Brühe, besonders bei einer Pho im nordvietnamesischen Hanoi-Stil (하노이 / 河内 / ハノイ), bei der die Brühe klar, rein und filigran ist. Man bezahlt 20.000–50.000 VND für eine Schüssel, an der der Koch sechs bis acht Stunden gearbeitet hat. Wenn man sie mit starkem Kaffee hinunterspült, schmeckt man am Ende nur noch Kaffee.

„Egg Coffee (에그커피 / 蛋咖啡 / エッグコーヒー)“ hat dasselbe Problem, nur noch verstärkt. Er ist reichhaltig, süß und ein ganz eigenes Erlebnis – ein Getränk, das die volle Aufmerksamkeit verdient und keine Nebenrolle neben einer Nudelsuppe spielen sollte.

In der Praxis laufen die vietnamesische Kaffee- (베트남 커피 / 越南咖啡 / ベトナムコーヒー) und die Pho-Kultur auf parallelen Bahnen. Die Einwohner von Hanoi essen ihre Pho oft um 6 Uhr morgens und gehen danach in ein Café. Der Kaffee kommt danach, nicht währenddessen.

Ein lebendig gedeckter Cafétisch mit Kaffee, Saft und einer dekorativen Lampe.

Foto von Sóc Năng Động auf Pexels

Bier: Die akzeptable Ausnahme

Hier wird es etwas flexibler. „Bia hoi (비아호이 / 鲜啤 / ビアホイ)“ – das täglich frisch gebraute Fassbier, das auf Plastikhockern in ganz Hanoi und anderen nördlichen Städten verkauft wird – stört den Geschmack kaum. Mit rund 3–4 % Alkoholgehalt und praktisch ohne Bitterstoffe ist es näher an Sprudelwasser als an einem Craft-IPA. Einheimische in Hanoi trinken es gelegentlich zu einer Pho am späten Nachmittag, und es beeinträchtigt das Geschmackserlebnis nicht so sehr wie ein stärkeres Bier.

Flaschenbiere wie Bia Ha Noi, Bia Saigon (사이공 / 西贡 / サイゴン) oder 333 schlagen in dieselbe Kerbe – leicht, spritzig und kalt genug, um zu erfrischen, ohne den Gaumen komplett zu betäuben. Wer Pho eher zum Mittagessen als zum Frühstück isst, für den ist eine Flasche Lagerbier eine vertretbare Wahl.

Was überhaupt nicht funktioniert: hopfenbetonte, dunkle oder geschmacksintensive Biere. Eine Schüssel Hanoi-Pho und ein IPA kämpfen um dieselbe geschmackliche Vorherrschaft, und keiner gewinnt.

Kräuter- und Erfrischungsgetränke

Im Süden Vietnams – insbesondere in Saigon und im Mekong-Delta (메콩 델타 / 湄公河三角洲 / メコンデルタ) – findet man manchmal Pho-Restaurants, die „nuoc mia“ (Zuckerrohrsaft) oder verschiedene kalte Kräutergetränke zur Suppe servieren. Dies ist eher eine südvietnamesische Gewohnheit, die den allgemein süßeren Gaumen des Südens und die Vorliebe für kalte Getränke zu jeder Tageszeit widerspiegelt.

Wenn man eher „hu tieu“ oder „banh canh“ statt einer klassischen Pho isst, ist diese Kombination üblicher und lokal etablierter. Aber speziell für Pho, insbesondere im nördlichen Stil, bleibt heißer Tee die passendste Wahl.

Nahaufnahme von vietnamesischem Banh Mi und Bier auf einem Tisch im Straßencafé in Hanoi, was eine rustikale und authentische Atmosphäre ausstrahlt.

Foto von Flo Dahm auf Pexels

Die einfache Regel

Die Pho-Brühe selbst ist das Getränk. Sie ist keine Beilage – sie ist der flüssige Teil der Mahlzeit und wurde entsprechend gewürzt. Alles andere auf dem Tisch sollte sich geschmacklich zurückhalten.

Heißer grüner Tee tut genau das. Kaltes Bier tut es größtenteils auch. Vietnamesischer Kaffee hingegen nicht.

Wer beides möchte – erst Pho, und zwanzig Minuten später einen Ca phe sua da im Café nebenan –, geht keinen Kompromiss ein, sondern isst einfach wie die Einheimischen.

Praktische Hinweise

Tee ist in Pho-Restaurants fast immer kostenlos. Wenn er nicht schon auf dem Tisch steht, fragt man einfach danach. Bier kostet in einem Pho-Lokal normalerweise zwischen 15.000 und 25.000 VND für eine kleine Flasche. Wer in Hanoi ist, sollte die Routine „erst Pho, dann Café“ unbedingt in den Morgen einplanen – in der Altstadt gibt es nur wenige Gehminuten von jedem Pho-Stand entfernt unzählige Cafés.

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Zuletzt aktualisiert · May 29, 2026 · unabhängig recherchiert, nie gesponsert.